Mittwoch, Dezember 07, 2011

Wenn das gut läuft, dann habe ich ausgesorgt

In der Mittagspause betritt ein Mann, glattrasiert, Anfang 50 in zerschlissener Kleidung und Umhängetasche die Kanzlei. "Ich brauche sofort einen Anwalt..." Es geht um einen nicht funktionsfähigen Telefonanschluss.

Er bekommt einen Termin zu einen späterem Zeitpunkt. Bei der Wohnanschrift werde ich stutzig, da er nicht in Speyer wohnt, sondern ca. 30km entfernt. Dort soll es auch Kollegen geben, an die er sich wenden könnte.

Er antwortet großmütig, er habe einige Unternehmen in Speyer, die er leiten würde. Seiner Mutter gehörten im übrigen die örtlichen Fillialen von Bauhaus(*) und C&A(*), die er für sie verwalten würde.

Er meinte noch, er habe jede Menge weiterer Mandate zu vergeben.

Na, da habe ich mal einen richtig dicken Fisch an Land gezogen.

(*) natürlich frei erfunden, aber das Kaliber stimmt

Nachtrag: Der Mandant ist erwartungsgemäß nicht erschienen.

Kommentare:

  1. Na, dann war ja wenigstens der Vorschuß kein Problem ;)

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  2. >ein Mann, glattrasiert, Anfang 50 in
    >zerschlissener Kleidung und Umhängetasche...
    Vorsicht: Leute die richtig Geld haben sehen
    nicht immer danach aus!

    >"Ich brauche sofort einen Anwalt..."
    >Es geht um einen nicht funktionsfähigen
    >Telefonanschluss.
    >Er bekommt einen Termin Anfang nächster Woche.

    Da reagiert ja die Telekom schneller.

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  3. Eine ähnliche Situation durfte ich während meines Referendariats in der Anwaltsstation miterleben. Zur Freude meiner damaligen Ausbilderin stellte sich heraus, dass die Mandantin tatsächlich eine beträchtliche Anzahl an Miethäusern (über 100 WE)zu Eigentum hatte.

    In diesem Sinne: Ich drück' Ihnen die Daumen Herr Kollege!

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  4. Stimmt. Aber ich bin ja nicht die Telekom. Den Anschluss kann ich nicht reparieren. Und ob ich die Ansprüche heute oder nächste Woche formuliere, spielt nicht wirklich eine Rolle.

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  5. So einen Mandanten hatte ich auch einmal - allerdings im Strafrecht, nachdem er mit entsprechenden Angaben von zahlreichen (dann später:) Geprellten Leistungen bezogen hatte, die mangels späterer Bezahlung nicht mehr ganz so gut auf ihn zu sprechen waren ;)

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  6. Bauhaus und C&A wären ja schonmal keine Franchise-Unternehmen, bei denen jemandem nur eine Filiale gehören würde. Vielleicht kann die Überprüfung der wirklichen Namen da auch wertvolle Erkenntnisse bringen ;)

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  7. Äußerlichkeiten können täuschen.
    Vor Jahren kam ein älterer Herr zu mir, schlecht frisiert, unrasiert, zerschlissenen Wollpulover und ausgelatschte Billigschuhe. Er fragte auch nach Prozesskostenhilfe. Bei deren Beantragung wurde deutlich, dass er ein millionenschweres Immobilienimperium besaß. Meine Rechnungen hat er dann auch promt bezahlt.
    Übrigens wurde auch Leland Stanford wegen seiner zerschlissenen Kleidung in Harvard abgewiesen mit seiner Spende. Er hat dann lieber die Standford University gegründet, die die reichste der Welt sein soll.

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  8. Das mit Stanford ist eine schöne Geschichte, die aber genauso falsch wie sie von Leuten, die sie mal aufgeschnappt haben, als wahr kolportiert wird.

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