Donnerstag, Mai 02, 2013

Ich mache mir so meine Gedanken

In der Kinderarztpraxis liegt ein Informationsblatt aus. Darin steht,

  • dass die gesetzlichen Krankenkassen pro Kind und Quartal nur ein bestimmtes Budget vorsehen 
  • und dass die Kinderärzte daher nur zurückhaltend mit Verschreibungen umgehen dürfen. 
  • Die Eltern mögen bitte Verständnis dafür aufbringen, 
  • dass nicht jedes gewünschte Medikament verordnet werden könne, 
  • weil bei Budgetüberschreitung der verordnende Arzt zur Kasse gebeten werde.


Sorry, dafür habe ich kein Verständnis, lieber Gesetzgeber.

Mein Kind ist ein mit Grundrechten ausgestattetes Individuum. Es hat individuelle Bedürfnisse. Es kann nicht mit einem Durchschnitts-Eck-Referenz-Normbedarfs-Kind verglichen werden. Als Richtlinie für den verordnenden Arzt lasse ich mir ein Budget gerne gefallen, damit der Mediziner eine ungefähre Vorstellung hat, wieviel Rezepte er im Monat ungefähr ausstellen kann. Ich lasse mir gerne aus sachlichen Gründen von der Verschreibung eines Medikamentes oder einer diagnostischen Maßnahme abraten, weil es Hausmittel gibt oder weil man die weitere Entwicklung noch beobachten kann.

Sollte mir aber als Elternteil auch nur ein einziges Mal die Verschreibung eines dringend benötigten Medikaments unter Hinweis auf die Budgetierung verweigert werden, ziehe ich vor den Kadi.

Aus den Vorlesungen über die Grundrechte habe ich in Erinnerung, dass der Mensch nicht zum bloßen Objekt staatlichen Handelns gemacht werden darf, dies sei Ausdruck seiner unveräußerlichen Würde. Nichts anderes bedeutet es aber in meinen Augen, wenn ein Kind nur im Vergleich innerhalb einer Gruppe anderer Kinder bemessen wird. Die Bedürfnisse des Kindes bestehen jetzt. Es kann und darf nicht vom Zufall abhängen, ob gerade eine Epidemie grassiert, die die Kassen belastet, Es kann und darf keine Rolle spielen, ob der Kinderarzt meines Vertrauens viele gesundheitlich robuste Kinder betreut, wodurch die Chance meines Kindes auf ein Rezept steigt oder ob aufgrund des guten Rufs der Praxis viele Patienten mit komplizierten Erkrankungen am Budget-Kuchen teilhaben wollen.

Diese Individualinteressen müssen selbstredend mit den Kollektivinteressen einer Versichtertengemeinschaft in Einklang gebracht werden, die Budgetierung ist in meinen Augen ein Irrweg.

Gleiches gilt für den Gesundheitsfonds, das ist jedoch ein anderes Thema.

Ich halte den Kommentar für so hilfreich, dass ich ihn in den Artikel einpflege:
Anonym schrieb:
*seufz* Das Budgetthema ist ein altes Gespenst und spukt kettenrasselnd seit Jahren durch die Lande. Fakt ist jedoch, dass es - mit einfachen Worten erklärt - eine faktische Deckelung nicht gibt. Tatsächlich darf der Arzt JEDES (sic) Medikament verschreiben, dass er medizinisch für geboten hält. Das "Budget" beziffert lediglich den Rahmen, über den er ohne zusätzlichen administrativen Aufwand frei "verfügen" kann. Sobald er nun diesen Betrag überschreitet kann die Abrechnungsstelle eine individuelle Begründung für die Verschreibung anfordern.

Kommentare:

  1. Demnächst sollen die Anwaltsvergütungen drastisch angehoben werden, dann wäre Selbstbezahlen ja vielleicht auch eine Möglichkeit.

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  2. Danke, darauf wäre ich alleine nie und nimmer gekommen.

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  3. *seufz* Das Budgetthema ist ein altes Gespenst und spukt kettenrasselnd seit Jahren durch die Lande. Fakt ist jedoch, dass es - mit einfachen Worten erklärt - eine faktische Deckelung nicht gibt. Tatsächlich darf der Arzt JEDES (sic) Medikament verschreiben, dass er medizinisch für geboten hält. Das "Budget" beziffert lediglich den Rahmen, über den er ohne zusätzlichen administrativen Aufwand frei "verfügen" kann. Sobald er nun diesen Betrag überschreitet kann die Abrechnungsstelle eine individuelle Begründung für die Verschreibung anfordern.

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  4. Sehen Sie: man denkt immer zuerst, es müsse "der Staat" für alles und jedes zuständig sein, und wenn man dann nachdenkt, kommt man manchmal darauf, dass es auch sowas wie Eigenverantwortlichkeit des Individuums gibt (ich räume ein, man kommt auf sowas leichter, wenn es andere betrifft).

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  5. "auch seufz", die Antwort bedeutet mir eine große Erleichterung bei eventuellen Diskussionen mit dem Kinderarzt und dürfte über den Einzelfall hinaus von Interesse sein.

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  6. Ehrlich gesagt dreht sich mir jedesmal der Magen um, wenn ich beim Arzt ein solches "Informationsblatt" sehe, die dann meist doch von einer Ärztevereinigung sind und in denen es immer nur darum geht, wie arm die Ärzte dran sind. Bei unserer Kinderärztin bin ich mir sicher, dass sie ihre Entscheidungen immer am medizinisch Notwendigen ausrichten wird. Würden da öfter solche "Informationsblätter" herumflattern, könnte es sein dass mein Vertrauen diesbezüglich nicht mehr da wäre und dass ich dann vielleicht mal die Praxis wechseln würde. Man könnte aber den Arzt auch einfach mal direkt darauf ansprechen, ob man denn jetzt wirklich damit rechnen müsse dass einem Kind notwendige Behandlungen verweigert werden. An der Reaktion wird man dann ja sehen, womit man es zu tun hat.

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  7. Mir wurde anlässlich des Arztbesuches von einer Sprechstundenhilfe erklärt, der Arzt behandele nur akute Erkrankungen. Ich müsse mich entscheiden, was heute behandelt werden soll. Ansonsten: Fortsetzung nächstes Quartal. Ich habe dann der Sprechstundenhilfe bedeutet, daß ich dieses Thema mit ihrem Chef besprechen würde. Ich hätte zwar Respekt vor der Leistung einer Arzthelferin; sie sei trotzdem für medizinische Fragen nicht mein Ansprechpartner. Auf weiteres Sticheln ihrerseits habe ich ihr angeboten, aufgrund ihrer scheinbar vorhandenen medizinischen Kenntnisse und ohne Untersuchung selbst zu entscheiden, was ich denn heute vorbringen dürfe. Ich sei aus dem Alter entwachsen, wo man als Langeweile zum Arzt geht und ich würde jetzt nur die Erklärung entgegennehmen, daß ich zum Arzt vorgelassen werde, sonst wäre mein nächster Weg die Ärztekammer. Es hat dann alles soweit geklappt, nachdem ich ihrem Chef meinen Standpunkt auch nochmal auseinandergelegt hatte. Für mich steht der Servicefaktor der meisten Arztpraxen hier in einer rheinischen Großstadt, die gewöhnlich als schnöselig wahrgenommen wird, locker unter dem der Deutschen Bahn oder der Post. Ich will das nicht verstehen und auch kein Verständnis heucheln. Keine Ahnung, wo das alles mal endet.

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